Stiftungen Deutschland

Stiftungen gelten in Deutschland als Inbegriff des Gemeinwohls und Steuersparmodell. Welche Funktion haben sie wirklich und wem nützen sie?

Stiftungen in Deutschland: Kapital mit Heiligenschein? Eine Analyse

Stiftungen gelten in Deutschland als Inbegriff des Gemeinwohls. Sie fördern Wissenschaft, Kultur, Bildung, Soziales und Umwelt. Wer eine Stiftung gründet, erwirbt gesellschaftliches Ansehen; wer in eine Stiftung einzahlt, kann steuerlich profitieren. Doch die Realität ist widersprüchlich. Stiftungen sind keine harmlosen karitativen Inseln im kapitalistischen System. Sie sind eine besondere Form, in der Privatkapital sich vergesellschaftet, ohne seine Klassenbindung aufzugeben. Sie sind zugleich Ausdruck sozialer Interessen, Instrument der Herrschaftssicherung und – unter bestimmten Bedingungen – ein interessantes Modell für langfristige Vermögensanlage.

1. Das Wesen der Stiftung: Privateigentum in sozialer Form

Eine Stiftung ist rechtlich ein Vermögen, das einem bestimmten Zweck dauerhaft gewidmet ist. In Deutschland dominiert die rechtsfähige Stiftung bürgerlichen Rechts (§ 80 BGB). Sie entsteht durch ein Stiftungsgeschäft und staatliche Anerkennung. Ihr Vermögen muss erhalten bleiben; die Erträge dienen dem Stiftungszweck. Der Grundsatz der „Ewigkeit“ ist konstitutiv: Eine Stiftung kann grundsätzlich nicht aufgelöst werden, der Stifterwille bleibt über den Tod hinaus bindend.

Ökonomisch betrachtet wird hier ein Teil des gesellschaftlichen Reichtums dem unmittelbaren Konsum und der individuellen Verfügung entzogen und in eine dauerhafte, zweckgebundene Form überführt. Das Kapital bleibt Privateigentum – aber es wird nicht mehr als persönliches Vermögen, sondern als „gemeinnütziges“ Sondervermögen verwaltet. Die Verfügung über das Kapital geht auf eine Bürokratie über, die sich aus Stiftern, Familien, Managern und Experten zusammensetzt.

Die Stiftung hebt also das Privateigentum nicht auf, sie ändert nur die Form. Sie entzieht einen Teil des Kapitals der individuellen Aneignung, unterwirft es aber gleichzeitig einer neuen, institutionalisierten Herrschaftsform. Nicht die Gesellschaft demokratisiert das Kapital, sondern das Kapital stiftet sich seine eigene soziale Hülle.

2. Ökonomische und soziale Interessen: Wem nützt die Stiftung?

Island Spirit Publishing (Autor), David Dräger (Mitwirkender): Familienstiftung einfach erklärt: Wie du dein Vermögen über Generationen schützt Stiftungen dienen zunächst den Interessen der Stifter. Sie ermöglichen, Vermögen dauerhaft zu sichern, Unternehmenskontrolle zu bewahren und den eigenen Namen zu verewigen. Zu den bekanntesten Beispielen, die genau das widerspiegeln, gehört die Robert Bosch Stiftung: Sie hält den Großteil des Kapitals der Robert Bosch GmbH, während die Stimmrechte über die Robert Bosch Industrietreuhand KG gebündelt sind. So bleibt unternehmerische Kontrolle in wenigen Händen, während die Erträge gemeinnützig gebunden werden. Das ist keine Entmachtung des Kapitals, sondern seine kluge Rearrangierung.

Hinzu kommen soziale Interessen: Stiftungen verschaffen Ansehen, Netzwerke und kulturelle Hegemonie. Wer eine Stiftung gründet, bestimmt mit, welche Forschung gefördert, welche Kunst ausgestellt, welche Bildung vermittelt wird. Die „Stifterdemokratie“ ist keine Demokratie der Gleichen; sie ist eine Herrschaft der Gebenden. Nicht die Bedürfnisse der Allgemeinheit, sondern die Präferenzen der Vermögenden entscheiden über die Verwendung.

Zugleich erfüllen Stiftungen reale gesellschaftliche Funktionen. Sie finanzieren Projekte, die der Staat nicht oder nicht ausreichend finanziert. Sie entlasten öffentliche Haushalte, stabilisieren soziale Infrastruktur und integrieren wohlhabende Schichten in ein System, das sie zugleich privilegiert. Das ist kein Widerspruch, sondern die normale Funktionsweise bürgerlicher Vergesellschaftung: Das Kapital übernimmt öffentliche Aufgaben, um seine eigene Legitimität zu sichern.

3. Steuerliche Förderung: Warum der Staat auf Steuern verzichtet

Johann C. Köber und David Kasper: Das große Handbuch der Stiftungen: Wie Sie mit Stiftungen Ihr Vermögen gestalten und Ihr Erbe sichernGemeinnützige Stiftungen sind in Deutschland steuerlich gem. Abgabenordnung § 52  privilegiert. Sie sind von der Körperschaftsteuer und der Gewerbesteuer befreit, soweit sie keine wirtschaftlichen Geschäftsbetriebe unterhalten. Sie sind von der Erbschaft- und Schenkungsteuer befreit, wenn sie ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke verfolgen. Zuwendungen an gemeinnützige Stiftungen können als Sonderausgaben gem. § 10 b EStG abgezogen werden; für Zustiftungen in den Vermögensstock existieren zusätzliche Abzugsmöglichkeiten.

Diese Förderung ist kein Geschenk des Staates. Sie ist ein historischer Kompromiss zwischen Staat und Kapital. Der Staat verzichtet auf Steuereinnahmen, um öffentliche Aufgaben an private Stiftungen zu delegieren. Das nennt man in der Finanzwissenschaft „Tax Expenditures„: Steuerausgaben statt Staatsausgaben. Die Gesellschaft finanziert also indirekt mit, was die Stiftung als private Wohltat präsentiert.

Die Steuerbefreiung erweist sich also als eine Form der Vergesellschaftung von Steuerungsmacht. Der Staat zieht sich aus bestimmten Feldern zurück, das Kapital besetzt sie. Das mag effizient sein, es ist aber nicht demokratisch. Wer zahlt, bestimmt – und wer nicht zahlt, weil er steuerbefreit ist, bestimmt erst recht.

4. Stiftungen als Geldanlage? Zwischen Endowment-Modell und Illusion

Für Privatanleger sind Stiftungen selbst keine direkte Geldanlage. Man kann keine Anteile an einer gemeinnützigen Stiftung erwerben und sie an der Börse handeln. Wer in eine Stiftung einzahlt, erhält keine Rendite im marktüblichen Sinne, sondern allenfalls eine Spendenbescheinigung. Das ist kein Investment, sondern eine Vermögensübertragung.

Allerdings ist das Stiftungskapital selbst am Kapitalmarkt investiert. Stiftungen sind institutionelle Anleger. Sie müssen langfristig wirtschaften, um ihre Zwecke dauerhaft zu finanzieren. Das sogenannte Endowment-Modell – bekannt durch US-Universitäten wie Harvard oder Yale – setzt auf breite Diversifikation: Aktien, Anleihen, Immobilien, Infrastruktur, Private Equity und alternative Anlagen. In Deutschland haben viele Stiftungen traditionell konservativ investiert, oft zu konservativ. In der Niedrigzinsphase hat das dazu geführt, dass Vermögen real schrumpfte.

Für Privatanleger lassen sich daraus Lehren ziehen: Langfristigkeit, breite Streuung, Risikotragfähigkeit und Ausschüttungsbedarf müssen zusammen gedacht werden. Wer langfristig Vermögen erhalten und zugleich Erträge entnehmen will, kann sich an Stiftungsportfolios orientieren. Es gibt auch sogenannte Stiftungsfonds, die einen Teil ihrer Gebühren an gemeinnützige Projekte spenden. Sie sind aber keine Stiftungen, sondern reguläre Investmentfonds mit Spendenkomponente.

Als Geldanlage sind Stiftungen also nur mittelbar geeignet: nicht als direktes Produkt, sondern als Vorbild für langfristige, diversifizierte und disziplinierte Vermögensverwaltung. Wer kurzfristige Rendite sucht, ist hier falsch. Wer langfristig denkt, kann lernen.

5. Schlussbetrachtung: Widerspruch statt Erlösung

Stiftungen in Deutschland sind ein Widerspruch in sich. Sie sind privat und gemeinnützig, kapitalistisch und sozial, herrschaftlich und hilfreich. Sie ermöglichen echte gesellschaftliche Arbeit und reproduzieren zugleich Klassenmacht. Sie entlasten den Staat und untergraben demokratische Prioritätensetzung. Sie bieten langfristige Anlagemodelle und bleiben doch Instrumente der Vermögenssicherung weniger.

Es wäre falsch, Stiftungen entweder zu verdammen oder zu verklären. Sie sind historisch entstanden, ökonomisch determiniert und sozial umkämpft. Ihre Zukunft hängt davon ab, ob es gelingt, die Macht über das gestiftete Kapital zu demokratisieren – oder ob sie weiterhin vor allem den Interessen derer dient, die es gestiftet haben.

Für Anleger bleibt die nüchterne Erkenntnis: Stiftungen sind keine Geldanlage im engeren Sinne. Aber das Stiftungskapital zeigt, wie langfristige Vermögenspolitik aussehen kann – jenseits kurzfristiger Spekulation. Ob man dieses Modell übernimmt, ist nicht nur eine Frage der Rendite, sondern auch der gesellschaftlichen Verantwortung.

Dieser Beitrag dient der Analyse und Meinungsbildung. Er stellt keine Anlage- oder Steuerberatung dar.


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Von Thomas Schulze

Mit den Beiträgen will ich helfen, anhand ausgewählter Beiträge besser zu verstehen, "was die Welt im Innersten zusammenhält"

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