US-Finanzmonopol am Ende?

US-Finanzmonopol

Das Ende der unipolaren Welt

Der Westen hat den Höhepunkt seiner globalen Dominanz überschritten — Putins „Ungehorsam“ ist ein Symptom für das wachsende Selbstbewusstsein der Gegenkräfte.

von Mathias Bröckers

„Das amerikanische Jahrhundert“ — ja, vielleicht kann man die weltweite Hegemonie der USA zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Zeit unmittelbar nach der Auflösung des Warschauer Pakts wirklich so bezeichnen. Viele scheinen aber noch nicht bemerkt zu haben, dass wir nicht nur kalendarisch inzwischen das 21. Jahrhundert erreicht haben. Die Zeit, in der das Imperium „unipolar“ fast schalten und walten konnte, wie es wollte, ist vorbei. Die Niederlagen wie etwa in Syrien häufen sich, China bietet dem Westblock wirtschaftlich Paroli, und Putin betreibt Großmachtpolitik auf Augenhöhe. Schon bahnt sich ein Zusammenschluss der globalen Rivalen an, und selbst die Herrschaft der USA über das Geldsystem mithilfe der Leitwährung Dollar gerät ins Wanken. An das Märchen von einer angeblichen moralischen Überlegenheit der „Freien Welt“ glaubt ohnehin nur noch der für seine Anspruchslosigkeit bekannte europäische Mainstream-Medienkonsument.

Dass Russlands Präsident Wladimir Putin seine Staatsgäste, Bundeskanzler Olaf Scholz und Präsident Emmanuel Macron, im Februar an einem endlos langen Tisch empfing, war als Symbol nur oberflächlich der Pandemie und der Verweigerung russischer Tests geschuldet — es war das Symbol für ein Abschiedsgespräch, eine Kündigung. Jemanden, dem man noch zuhören, wirklich etwas sagen und mit Aussicht auf einen Kompromiss verhandeln kann, empfängt man nicht so.

Diese Hoffnung hatte Putin ganz offensichtlich aufgegeben. Russland wendet sich vom Westen ab, wohl wissend, dass die Boykott-Orgie schmerzen wird, aber ebenso sicher, dass es sie überstehen wird — mit China, Indien und dem gesamten globalen Süden an seiner Seite. Die unipolare Welt, die von militärischer „Full Spectrum Dominance“ des US- Imperiums diktierte „regelbasierte“ internationale Ordnung, ist mit dem 24. Februar 2022 zu Ende gegangen.

Als sich im ersten Krimkrieg Mitte des 19. Jahrhunderts England, Russland und Frankreich auf dem Gebiet der heutigen Ukraine Schlachten lieferten, bedienten die kämpfenden Parteien — wie unter „zivilisierten Nationen“ üblich — weiter ihre gegenseitigen Schulden und hielten Kreditverträge ein.

Derlei zivilisatorischen Anstand hat das US-Imperium nun aber (und nicht zum ersten Mal) beiseite gelegt und die russischen Dollar-Reserven (630 Milliarden Dollar) in den USA „eingefroren“, wie man in finanziellen Mafiakreisen solchen Diebstahl nennt, um so dafür zu sorgen, dass die Russen die Abwertung des Rubels an den internationalen Märkten nicht mit Ankäufen kontern konnten.

Kein schöner Zug, aber wie schon der Rauswurf der größten russischen Banken aus dem SWIFT-System droht auch diese Waffe als Boomerang zurück zu kommen — in Form der De-Dollarisierung der Finanzwelt. Welches Land wird seine nationalen Reserven künftig noch einem „Partner“ anvertrauen, der sie jederzeit konfiszieren/einfrieren/stehlen kann?

Schon rechnen China und Russland ihre gigantischen Energiegeschäfte nicht mehr in Dollar ab, Indien, die Türkei, der gesamte „globale Süden“, können russisches Öl, Gas, Diamanten, Mineralien, Weizen etc.pp. in Rubel, Rupien, Lira oder Pesos bezahlen … jede Währung ist im Handel auf der neuen Seidenstraße willkommen.

Während die USA jetzt mit erpresserischem Druck auf diese Länder das Unterlaufen der Russland-Sanktionen verhindern wollen, und damit scheitern werden. Die Letzten, die versucht hatten, ihr Öl gegen Landeswährungen zu verkaufen — Iraks Sadam Hussein und Libyens Gaddafi — konnten noch gnadenlos weggebombt werden. Aber das ist jetzt vorbei, weil zwei Weltmächte gegen diesen Wirtschaftserror aufstehen.

Wenn aber der „Petrodollar“ — der globale Zwang, Öl in US-Währung zu bezahlen — verfällt, wird die Rolle des Dollars als weltweite Reservewährung und das Finanzmonopol des Imperiums verschwinden. Willkommen in der neuen multipolaren Welt und dem Ende einer globalen Ökonomie wie wir sie kannten. Und in einer neuen globalen Geldordnung, in der — nach „Bretton Woods“ III — das westliche FIAT-Money, der aus Luft geschaffene Euro/Dollar, einem rohstoff,- und goldgedeckten Rubel/Remnibi gegenüberstehen wird. Weil “Feindsender” wie Sputnik in unserer sog. freiheitlichen Demokratie mittlerweile blockiert werden, hier im Wortlaut die Meldung, dass diese neue internationale Währung schon in Arbeit ist:

„JEREWAN, 14. März — Sputnik. Die Mitgliedsstaaten der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAEU) und China werden ein Projekt für ein unabhängiges internationales Währungs- und Finanzsystem entwickeln. Darauf einigten sich die Teilnehmer des Wirtschaftsdialogs ‚Eine neue Stufe der währungs-, finanz- und wirtschaftspolitischen Zusammenarbeit zwischen der EAEU und der VR China. Globale Transformationen: Challenges and Solutions‘, der am 11. März per Videokonferenz stattfand. Das System soll auf einer neuen internationalen Währung basieren, die als Index der nationalen Währungen der beteiligten Länder und der Rohstoffpreise berechnet wird. Der erste Entwurf soll bis Ende März zur Diskussion gestellt werden.“

Das ist kein Scherz von Radio Eriwan, sondern das Ende des unipolaren Geldsystems, das von der Wall-Street und der City of London kontrolliert wird. China, Russland und Eurasien machen ihren eigenen Finanzladen auf und da mit der Volksbank Chinas (PBoC) auch der größte Gläubiger der USA dort an Bord ist, kann das überschuldete Imperium nichts dagegen tun. Dass der neue Eiserne Vorhang, der mit dem Ukraine-Krieg errichtet wird, Geburtshilfe einer alternativen globalen Leitwährung leistet, die für die riesigen Märkte jenseits von NATOstan höchst attraktiv ist, hatte man bei den Boykott-Planungen wohl nicht auf dem Zettel.

Ganz oben auf diesem Zettel sollte aber gewesen sein, dass es in Europa kalt und dunkel wird, wenn Russland wirklich ernst macht und den Gashahn zudreht, denn 50 Prozent des Bedarfs sind kurz- und mittelfristig nicht zu ersetzen.

Auch nicht für die USA, wo Joe Biden im vor Kurzem noch erfolglos beputschten und sanktionierten Venezuela um Öl betteln muss, weil er seinen zweitgrößten Importeur Russland boykottieren will.

Er wird nicht der einzige bleiben, dem der hysterische Sanktions-Aktionismus auf die Füße fällt — weshalb aus Frankreich schon gemeldet wird, dass „Renault“ und seine Lieferanten in Russland weiter produzieren. Und es den „normalen“ Russen — wie der putin-kritische Filmemacher Andrei Nekrasow in diesem lesenswerten Gespräch erzählt — eher freut als juckt, wenn BMW und Porsche sich zurückziehen und die Bonzen dort nicht mehr direkt einkaufen können.

Insofern sollte auch wenig Zweifel daran bestehen, dass Russland den Rückzug von McDonalds, Starbucks, Ikea et.al. genauso verkraftet wie die lachhafte Verbannung von „Russisch Brot“ bei Lidl & Co. In Deutschland aber wird bald die Hölle los sein, wenn die Strom,- Heiz,- und Benzinkosten weiter im Tempo der letzten Wochen steigen, wenn die Lebensmittelpreise mangels russischem Dünger und Weizen weltweit zulegen und die Inflation vom Trab in den scharfen Galopp übergeht — „The Return Of The Yellow Vests“ wird für die europäischen Regierenden dann ein echter Horrorfilm.

Anders als die Prognosen von einem nordkorea-artig abgeschotteten und verarmten Russland, das sich von den Sanktionen aus der Hölle niemals erholen wird und am Ende in Washington händeringend um einen Regime Change und die Wiederkehr von Disney Channel und YouPorn bitten muss. Dazu wird es nicht kommen, denn Russland ist nicht isoliert von der Welt, sondern nur von NATOstan und mit über 3/4 der Menschheitsfamilie nach wie vor verbunden und im Geschäft.

Das russisch-chinesische Joint Statement, das die Präsidenten Putin und Xi am 4. Februar 2022 unterzeichneten, hat nicht nur die militärische Allianz zweier Atommächte geschmiedet, sondern auch eine nie dagewesene Kooperation zwischen dem rohstoffreichsten und dem bevölkerungsreichsten Land der Erde. Dass dieser weltpolitisch höchst relevante Pakt den westlichen Medien kaum mehr als eine Kurzmeldung wert war, kann einmal mehr als Beispiel für exzeptionalistische Ignoranz und Arroganz des Imperiums gelten.

Sollte China morgen in den Wirtschaftskrieg einsteigen und Sanktionen gegen die USA beschließen, können Apple &Co. nichts mehr liefern, im Walmart bleiben 80 Prozent der Regale leer und im Silicon Valley gehen die Computerchips aus, weil es für das Palladium und Neongas zur Herstellung von Halbleitern, Lasern etc.pp. aus Russland keinen Ersatz gibt. So wie in Europa keinen schnellen Ersatz für russischen Stahl und unverzichtbare Mineralien, was die Produktion von Autos extrem verteuert, die sich aber wegen astronomischer Spritkosten mangels russischen Öls und Gas ohnehin kaum noch jemand leisten will.

Willkommen im NATOstan-Krieg gegen den Rohstoffriesen und den Produktionsriesen des Planeten — und bei der unschönen Aussicht, dass nordkoreanische Verhältnisse eher den abgehängten europäischen Kolonien des Imperiums blühen als den Russen und Chinesen. Und dass der totale Wirtschaftskrieg, den NATOstan ausgerufen hat, genauso wenig zu gewinnen ist, wie der militärische Krieg in der Ukraine.

Deshalb glaube ich, dass wir gerade das Ende der unipolaren Welt erleben, den Anfang vom Ende des „amerikanischen Jahrhunderts“ und eines Reiches, das wie alle Imperien der Vergangenheit an Größenwahn und Überdehnung zu Grunde geht.

Und das mit dem über viele Jahre provozierten Konflikt mit Russland jetzt seine Vasallen in einen fernen Krieg schicken muss, um seine kranke Vision der „Full Spectrum Dominance“ der gesamten Erde durchzusetzen, wozu die Kontrolle über die größten Rohstoffreserven des Planeten ebenso gehört wie die über die größten Produktionsstätten, also über Russland und China.

Das russische Eingreifen in der Ukraine, für das sich Putin die Rückendeckung Xis geholt hatte, hat nun aber definitiv klar gemacht, dass sich diese Länder der Hegemonie des Imperiums nicht länger unterwerfen werden. Dass die NATO kein „Verteidigungsbündnis“ ist, wie der Westen gern behauptet, sondern eine ruchlose Mordmaschine haben die Angriffskriege der letzten Jahrzehnte mehr als einmal bewiesen; dass sie nicht „Freiheit“ und „Demokratie“, sondern Tod und Zerstörung verbreitet, davon legen Millionen Leichen in Afghanistan, Irak, Libyen und zuletzt Syrien tragisches Zeugnis ab.

Sind Sicherheitsbedenken berechtigt, wenn sich ein schwer bewaffnetes Monster, dessen Meister im Pentagon seit 1945 mindestens 20 Millionen Menschenleben auf dem Gewissen haben, direkt vor meiner Haustür niederlassen will ?

Sind mit dieser Bilanz und einer riesigen Armee im Rücken Zweifel an seiner Zusicherung angebracht, mit dieser Niederlassung keinerlei böse Absichten zu hegen ?

Wenn Sie wie jeder mit gesundem Verstand gesegnete Mensch zwei Mal mit „Ja“ antworten, ist Vorsicht geboten, denn damit sind Sie schon mehr als zur Hälfte „Putinversteher“ oder „Russlandfreundin“ und lassen es an Empörung über den Krieg und an Empathie mit den geschundenen Yemeni:tinnen Ukrainer:innen wirklich fehlen. Aber dafür haben sie schon etwas über das Motiv, die Begründung für die russische Intervention und die Art und Weise ihrer Durchführung erfahren.

Auch wenn man im „Nebel des Kriegs“ die aktuelle Situation nie genau erkennen kann — wir können sie, so Clausewitz, nur „fühlen“ — und sich dem dröhnenden Propagandafeuer außer infantilem „Putin ultraböse — wir sind die Guten“ kaum Informationen entnehmen lassen, gibt es militärische Fachleute und Kenner des Kriegshandwerks, die sich um eine sachliche Einschätzung der Lage bemühen — und sich einig sind, dass diese Schlacht für die Ukraine verloren ist. Wie etwa Andrej Martyanov, der die russsische Intervention als „kombinierte Militär,- und Polizeioperation“ beschreibt, oder der Ex-US-Marine und UN-Waffeninspekteur Scott Ritter, der staunt, wie effizient sie mit vergleichsweise wenig Truppen und geringer Zahl an zivilen Opfern und Zerstörungen durchgeführt wird.

Darauf weist auch Jacques Baud hin, der in ähnlicher Funktion wie Scott Ritter als Oberst der Schweizer Armee für die UN in der Ukraine und Russland gearbeitet hat. Das ausführliche Gespräch mit ihm ist wegen seiner Hintergrundinformationen vor allem für jene heilsam, die nach der Coronaphobie — und dem Neuen Journalismus auf dem Bild oben — jetzt nahtlos von Russophobie infiziert worden sind.


Redaktionelle Anmerkung: Der Text erschien zuerst unter dem Titel „Notizen vom Ende der unipolaren Welt (3)“ auf broeckers.com und wird fortgesetzt.


Quellen und Anmerkungen:

Weiterführende Literatur:

Dieser Artikel wurde von Rubikon am 19.03.2022 und ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.

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