Ein neues globales Finanzsystem

Finanzsystem des DollarEin neues globales Finanzsystem – brauchen wir es und wie könnte es aussehen. Pepe Excobar interviewt Sergey Glazyev, einen der einflussreichsten Ökonomen der Welt.

Finanzsystem im Umbruch

Das dollardominierte globale Finanzsystem bröckelt nicht erst seit den über 6.000 Sanktionen gegen Russland. Viele Experten haben sich in den vergangenen Jahren dazu übereinstimmend geäußert, wie beispielsweise Norbert Häring.

Ganz unterschiedlich fallen demgegenüber die Erwartungen, Visionen und Vorstellungen aus. Wie wird die künftige Geldordnung aussehen? Welche Rolle nehmen dabie digitale Währungen und digitales Zentralbankgeld ein? Welche Rolle spielen dann der Dollar, der Euro, Rubel oder Yuan?

In einem Blogbeitrag vom 20.04.2022 verweist Norbert Häring auf das Kapitel „Geopolitik des Endspiels“ in seinem Buch „Das Endspiel des Kapitalismus“. Darin stellte er eine Hypothese auf. Zehn Monate nach Abschluss des Manuskripts scheint sie sehr gut zu den aktuellen geopolitischen Entwicklungen zu passen:

Auf das Handeln der beiden Großmächte in den letzten Jahren kann ich mir am besten auf Basis der folgenden Hypothese einen Reim machen: Die US-Regierung geht davon aus, dass sie im offenen Wettbewerb um die Vorherrschaft mit dem 1,4-Milliarden-Einwohner-Land China auf Dauer nicht bestehen kann. Da die nationale Sicherheit mit globaler Dominanz gleichgesetzt wird, kommt es nicht infrage, China diesen Status zu überlassen. Die langfristige Strategie – mit der sich die chinesische Seite notgedrungen abgefunden hat – besteht daher darin, die Einflusssphären zu trennen. Die chinesischen Konzerne werden aus der US-Einflusssphäre ausgegrenzt. China macht umgekehrt dasselbe. Das Internet und das Finanzsystem werden so gut wie möglich in zwei Sphären aufgeteilt.“

Die russische Militäroperation in der Ukraine und die Sanktionen der NATO-Staaten zeigen inzwischen deutlich: Der „Westens“ auf der einen Seite und China und Russland auf der anderen Seite ringen entschlossen um die künftige Finanzordnung. Die übrigen Staaten werden gezwungen, sich zu entscheiden, auf welcher Seite sie stehen wollen.

Sergey Glazyev über die neue Weltwirtschaftsordnung

Am 15.04.2022 legte der russische Wirtschaftsstratege und ehemalige Regierungsberater Sergey Glazyev in einem Interview mit Pepe Excobar seine Sicht über die neue Wirtschaftsordnung dar und gab einen kritischen Einblick in die Aktivitäten Russlands und Chinas.

In einem Anfall russophober Hysterie hat die herrschende Elite der Vereinigten Staaten ihren letzten ‚Trumpf‘ im hybriden Krieg gegen Russland ausgespielt. Nachdem die russischen Devisenreserven in Depots westlicher Zentralbanken ‚eingefroren‘ waren, untergruben die Finanzaufsichtsbehörden der USA, der EU und des Vereinigten Königreichs den Status von Dollar, Euro und Pfund als globale Reservewährungen. Dieser Schritt hat den fortschreitenden Abbau der Dollar-basierten Weltwirtschaftsordnung stark beschleunigt.“

Nach Glazyevs Erkenntnissen begann mit dem Zerfall der UdSSR ein Übergang zu einer neuen Weltwirtschaftsordnung. An deren Ende folgt nun der Zerfall des auf dem Dollar basierenden Weltwirtschaftssystems. Dieses bildete die Grundlage für die globale Dominanz der Vereinigten Staaten.

„Das neue konvergente Wirtschaftssystem, das in der VR China (Volksrepublik China) und Indien entstanden ist, ist die nächste unvermeidliche Entwicklungsstufe, die die Vorteile sowohl der zentralisierten strategischen Planung und der Marktwirtschaft als auch der staatlichen Kontrolle über die monetäre und physische Infrastruktur vereint Unternehmerschaft.“

In drei Phasen zur neuen digitalen Zahlungswährung

In drei Phasen schaffen Russland, China und weitere Staaten eine neue digitale Zahlungswährung. Der legen sie ein internationales Abkommen gestützt auf die Grundsätze von Transparenz, Fairness, gutem Willen und Effizienz zugrunde.

„Ich gehe davon aus, dass das von uns entwickelte Modell einer solchen Währungseinheit in dieser Phase seine Rolle spielen wird. Eine solche Währung kann von einem Pool von Währungsreserven der BRICS-Staaten [Brasilien, Russland, Indien und China] ausgegeben werden, dem alle interessierten Länder beitreten können.

Das Gewicht jeder Währung im Korb könnte proportional zum BIP jedes Landes (z. B. basierend auf der Kaufkraftparität), seinem Anteil am internationalen Handel sowie der Bevölkerungs- und Gebietsgröße der teilnehmenden Länder sein.

Darüber hinaus könnte der Korb einen Preisindex der wichtigsten börsengehandelten Rohstoffe enthalten: Gold und andere Edelmetalle, wichtige Industriemetalle, Kohlenwasserstoffe, Getreide, Zucker sowie Wasser und andere natürliche Ressourcen.“

Natürlich werden die USA und die EU diese Entwicklung zu einem neuen Finanzsystem nicht einfach zur Kenntnis nehmen. Vielmehr wehren sie sich massiv dagegen und spekulieren auf ihre bisherige finanzielle Dominanz. Glazyev erwartet dagegen, dass das nicht erfolgreich sein wird.

„Der Übergang zur neuen Weltwirtschaftsordnung wird wahrscheinlich von einer systematischen Weigerung begleitet sein, Verpflichtungen in Dollar, Euro, Pfund und Yen nachzukommen. In dieser Hinsicht wird es nicht anders sein als das Beispiel der Länder, die diese Währungen ausgeben, die es für angemessen hielten, die Devisenreserven des Irak, des Iran, Venezuelas, Afghanistans und Russlands in Höhe von Billionen Dollar zu stehlen.

Da die USA, Großbritannien, die EU und Japan sich weigerten, ihren Verpflichtungen nachzukommen und den Reichtum anderer Nationen beschlagnahmten, der in ihren Währungen gehalten wurde, warum sollten andere Länder verpflichtet sein, sie zurückzuzahlen und ihre Kredite zu bedienen?“

Selbst ein „Staatsbankrott“ Russlands nach bisherigen Maßstäben wäre möglich. Doch zugleich führen die souveränen Interessen Russlands und Chinas logischerweise zu ihrer wachsenden strategischen Partnerschaft und Zusammenarbeit, um den gemeinsamen Bedrohungen, die von Washington ausgehen, zu begegnen.

Perspektive des Euro im globalen Finanzsystem

Für den Euro mit der Unterwürfigkeit der EU gegenüber den USA sehen die Perspektiven nicht gut aus. Vielmehr dorht dem Euro die Entwertung. Norbert Häring kommentiert diese Tendenz mit den Worten:

„Bestrebungen Chinas und Russlands auf monetäre Eigenständigkeit richten sich zwar vor allem gegen die Dollar-Dominanz. Hauptleidtragende könnten jedoch diejenigen sein, die ihr Geld in Euro angelegt haben. Denn die USA scheinen durchaus die Findigkeit und die Macht zu haben, dafür zu sorgen, dass eine rückläufige Bereitschaft von wichtigen Schwellenländern, ihre Überschüsse in Dollar anzulegen, durch verstärkte Dollar-Nachfrage aus Europa mindestens teilweise kompensiert wird. Das in Berlin schnell durchs Parlament gewunkene 100-Milliarden-Sondervermögen für das Militär ist nur ein Beispiel von vielen. Es könnte zu einem großen Teil in den Kauf amerikanischer und israelischer Waffensysteme fließen.“


Weiterführend: „Sergey Glazyev über das Ende der Dollar-Herrschaft, eine neue Weltwährung und den Dritten Weltkrieg


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