Sind Basel und die BIZ Ursache für die De-Industrialisierung in westlichen Industriestaaten und was heißt das für Fach- und Führungskräfte?
De-Industrialisierung in den USA – was Fach- und Führungskräfte prüfen sollten
Am 05. November 2026 veröffentlichte der australische private Investor und Substack-Newsletter-Autor Craig Tindale auf Substack einen Artikel unter dem Titel „Die verfassungswidrige De-Industrialisierung Amerikas durch ein ausländisches Gremium“.
Darin beschreibt er einen realen und schmerzhaften Prozess: Die USA und die westlichen Industrieländer verlieren industrielle Kapazitäten. Die Anzahl der Beschäftigten in der Fertigung sank um 4,9 Millionen Stellen seit 1990. Banken verlagerten Kredite – weg von Fabriken, hin zu Immobilien und Staatsanleihen. Tindale benennt einen konkreten Mechanismus: die Basel-Risikogewichte von 0 % für Staatsanleihen, 50 % für Hypotheken und 100 % für Unternehmenskredite. Diese Regeln begünstigen die Kreditvergabe an Staat und Immobilien gegenüber produktiven Investitionen. Zugleich stellt der Text eine grundlegende Frage: Wer entscheidet, wohin das Kapital einer Gesellschaft fließt?
Das ist ein wichtiger Ausgangspunkt. Wer in den betroffenen Regionen lebt und arbeitet, erkennt darin eine Sprache für Erfahrungen, die sonst häufig als individuelles Scheitern erscheinen.
Was sind Ursachen der De-Industrialisierung?
Der Autor beschreibt sichtbare Folgen, erklärt aber die dahinterliegenden Ursachen nur teilweise. Er verwandelt eine Regulierung in eine Ursache des Problems. Die Basel-Gewichte sind nicht der Grund der De-Industrialisierung. Die zentralen Triebkräfte bleiben die internationale Verlagerung von Produktion zur Senkung der Lohnkosten, die Shareholder-Value-Orientierung, die Automatisierung und die Überakkumulation im produktiven Sektor. Sie berücksichtigt der Autor weitgehend nicht. Dabei erwähnt er im Text selbst, dass sich die reale Industrieproduktion verdoppelt hat, während die Beschäftigung zurückging. Darin liegt ein Hinweis auf technologische und politische Veränderungen, dem er nicht weiter nachgeht.
Der entscheidende Deutungswechsel führt vom Konflikt zwischen Kapital und Arbeit zur Konkurrenz zwischen Nationen. Nicht die Verwertungslogik oder das Verhältnis von Kapital und Beschäftigten, sondern ein „ausländisches Komitee“ (die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich/BIZ in Basel wird zum Subjekt der De-Industrialisierung erklärt.
Damit werden die eigenen nationalen Kapitalfraktionen – Finanzkapital, Immobilienkapital, transnationale Konzerne – aus der Verantwortung entlassen. Alexander Hamilton (1755? – 1804), Thomas Jefferson (1743 – 1826), Friedrich List (1789 – 1846), John Maynard Keynes (1883 – 1946) und Adam Smith (1723 – 1790) werden zu Kronzeugen einer nationalkapitalistischen Politik umfunktioniert, obwohl ihre Argumente für staatliche Industrieförderung Argumente für die Herausbildung einer nationalen Bourgeoisie gegen überlegene Konkurrenz waren – nicht für die Emanzipation der Beschäftigten.
Zudem lässt die vorgeschlagene Lösung die entscheidende Verteilungsfrage offen: Der Staat soll Kredite in „strategische“ Industrien lenken. Unter welchen Bedingungen diese Kredite vergeben werden sollen, bleibt unklar. Sind Tarifbindung, Mitbestimmung, Arbeitsplatzgarantien und Umweltstandards vorgesehen? Ohne solche Bedingungen stärkt die Kreditlenkung Teile des nationalen Kapitals gegenüber dem internationalen Finanzkapital.
Die Falle für Fach- und Führungskräfte
Für Fach- und Führungskräfte liegt die praktische Bedeutung auf der Hand. Der Text bietet eine scheinbare Orientierung über nationale Wiedergeburt, Re-Industrialisierung und Souveränität an. Doch er legt nicht offen, an welche Bedingungen diese Versprechen geknüpft sind und wer über ihre Umsetzung entscheidet.
Für Fachkräfte bedeutet das: Die berechtigte Wut über Jobverlust und Standortschließung kann in eine nationalistische Erzählung gelenkt werden, die eine „nationale Wiedergeburt“ verspricht. Dahinter kann jedoch eine neue Runde kapitalistischer Akkumulation stehen – etwa im Rüstungssektor oder in subventionierten „Zukunftsbranchen“, deren Bestand von politischen Mehrheiten und Haushaltsentscheidungen abhängt. Eine Qualifikation, die gestern im zivilen Fahrzeugbau gefragt war, soll vielleicht morgen in der Drohnenfertigung eingesetzt werden. Die entscheidende Frage ist dann nicht nur, ob die eigene Qualifikation gebraucht wird, sondern wer die Arbeitsbedingungen festlegt. Wer berufliche Entscheidungen an politischen Versprechen ausrichtet, ohne deren Macht- und Verteilungsbedingungen zu prüfen, riskiert, zum Objekt einer Kapitalverschiebung zu werden.
Für Führungskräfte: Staatliche Kreditlenkung kann als Hebel für höhere Renditen erscheinen, Protektionismus als Schutz vor Weltmarktkonkurrenz und die Einstufung als „strategische“ Branche als Zugang zu Subventionen. Das ist rent-seeking: Erträge werden über politischen Zugang und Schutz gesichert, nicht allein über produktive Leistung. Eine solche Strategie kann die Legitimität eines Unternehmens beschädigen und politische Instabilität verstärken – mit Folgen für die Investitionsbedingungen. Wer die unternehmerische Ausrichtung an Förderprogrammen und nach politischen Machtverhältnissen statt an belastbarer Leistung orientiert, macht sie abhängig von politischen Mehrheiten, Haushaltslagen und geopolitischen Konjunkturen.
Fragen für die eigene Orientierung
Im Text werden diese Fragen nicht gestellt. Gerade deshalb lohnt es sich, die Tragfähigkeit der eigenen beruflichen Orientierung selbst zu prüfen:
- Welcher Kapitalfraktion dient meine berufliche Position? Arbeitet mein Bereich in einem Sektor, der im Wettbewerb bestehen kann, oder hängt seine Zukunft wesentlich von Protektion und Subventionen ab? Was würde sich ändern, wenn dieser Schutz entfällt?
- Ist meine Qualifikation an eine Branche gebunden – oder an eine Fähigkeit? Beruht mein beruflicher Wert darauf, dass eine bestimmte Industrie politisch gefördert wird, oder darauf, dass ich Probleme lösen kann, die auch unter veränderten Bedingungen bestehen?
- Wer profitiert von der mir angebotenen „Lösung“? Wenn staatliche Kredite in „strategische“ Industrien fließen: Verbessern sie Löhne, Arbeitsbedingungen und Mitbestimmung – oder sichern sie vor allem Kapitalrenditen und Standortsubventionen? Wer entscheidet über die Vergabe: Beschäftigte, Regionen oder Konzernzentralen?
- Welche individuelle und kollektive Gestaltungsmacht habe ich? Individuelle Anpassungsfähigkeit allein trägt bei strukturellen Umbrüchen nur begrenzt. Tragfähig ist sie nur, wenn sie mit kollektiver Organisation – Gewerkschaften, Betriebsräte und regionale Akteure – die Bedingungen solcher Verschiebungen mitgestalten können.
- Was bedeutet „Souveränität“ für mich – und für wen? Die im Text beschworene nationale Souveränität ist vor allem die Souveränität des nationalen Kapitals. Eine Souveränität der Beschäftigten würde demokratische Kontrolle über Investitionen, Kredite und Produktionsentscheidungen voraussetzen. Genau diese Frage bleibt im Text außen vor.
Fazit
Der Text beschreibt eine reale Krise der westlichen Industriegesellschaft, doch seine Lösung verspricht keine sichere Überwindung der Ursachen. Er deutet einen transnationalen Widerspruch national um, verengt ein strukturelles Problem auf individuelle und nationale Erzählungen und erhebt eine Regulierung zum Hauptgrund, obwohl die Ursachen tiefer liegen.
Für Fach- und Führungskräfte in betroffenen Regionen ist der Text deshalb eher Anlass zur Prüfung der eigenen beruflichen Orientierung als eine belastbare Anleitung. Maßgeblich sind die Fragen, die er offenlässt: Unter welchen Bedingungen will ich arbeiten? Wer verfügt über Gestaltungsmacht? Und wessen Interessen werden durch die vorgeschlagene Politik gesichert?
Als Beschreibung eines Problems ist der Text aufschlussreich. Als Handlungsmodell bleibt er unvollständig.
Siehe auch:
