Spekulanten treiben Weizenpreis

Spekulanten treiben WeizenpreisDie Preisexplosion des Weizens

Es ist in erster Linie nicht der Ukrainekrieg, der die Nahrungsmittelpreise in die Höhe treibt, es sind die spekulativen Erwartungen der Börsenhändler.

von Christoph Pfluger

Der Gang zum Bäcker wird teurer, und das wird Putin in die Schuhe geschoben. Dabei hat der Krieg in der Ukraine nur einen bedingten Einfluss auf die steigenden Nahrungsmittelpreise, worunter auch der Weizen fällt. Wer die Preissteigerungen allein Russland andichtet, ignoriert dabei sträflich die neoliberalen, länderübergreifenden Marktmechanismen, die maßgeblich zur immensen Verteuerung beitragen.

Weil Putin in die Ukraine einmarschiert ist, gehen die Preise hoch und es drohen Hungersnöte. Dieses von den Medien verbreitete Narrativ klingt realistisch und daher glaubhaft. Immerhin machen die Weizenexporte der beiden kriegführenden Länder rund ein Viertel des Weltmarktes aus, wie die New York Times in einer Warnung vor sozialen Unruhen schreibt.

Aber das Narrativ ist in mehrfacher Hinsicht falsch. Russland ist mit 130 Millionen Tonnen zwar ein wichtiger Weizenproduzent, liegt aber weit hinter China mit 615 Millionen Tonnen, den USA mit 434 Millionen Tonnen und Indien mit 335 Millionen Tonnen zurück. Der meiste Weizen kommt zudem gar nicht auf den Weltmarkt, sondern wird im Inland verbraucht. Russland und die Ukraine sind jedoch wichtige Exporteure.

Was die Verkünder des bedrohlichen Szenarios ebenfalls verschweigen, ist die Tatsache, dass der Weizen im Durchschnitt ein Jahr lang gespeichert wird.

Der Konflikt beeinflusst also zurzeit die reale Versorgung mit Weizen nicht. Und wenn der Krieg bald aufhören würde, könnten die Bauern in Frieden ihre Felder bestellen und die Weizenversorgung wäre auch in Zukunft gesichert.

Hier kommt der Preis ins Spiel: Entscheidend ist dabei nicht der inländische Preis, sondern der Weltmarktpreis, der an der Börse in Chicago gebildet wird. Und da spielen die Mengen, die überhaupt auf den Weltmarkt kommen, und die Erwartungen die entscheidende Rolle. Der Weltmarktpreis dominiert die inländischen Preise, da sich die Händler bei höheren inländischen Preisen jederzeit auf dem Weltmarkt eindecken können.

Die Preisbildung an der Chicago Mercantile Exchange, der größten Börse für Waren und Rohstoffe, wird von drei Faktoren bestimmt: der Erwartung des künftigen Verhältnisses von Angebot und Nachfrage, der vorhandenen Geldmenge und den alternativen Anlagemöglichkeiten.

Die absolute Spitze der Preise für Weizen lag 2008, als die Anleger fluchtartig den Aktienmarkt verließen und sicherere Anlagen suchten. Die Spitzen von 2010 und 2012 gingen auf die Erhöhung der Geldmenge in Folge der „Finanzkrise“ zurück, als das Vertrauen in den dauerhaften Anstieg der Aktienmärkte noch nicht wirklich da war.

Fazit: Der Weizenpreis wird weniger von den realen Verhältnissen bestimmt als von den spekulativen Launen des Finanzcasinos, hat aber zum Teil drastische Auswirkungen auf die Versorgungslage in den ärmeren Ländern.

Ein wichtiger Faktor für die reale Versorgung ist im Weiteren die Inflationserwartung. Händler, die über größere Mengen Weizen verfügen und höhere Preise erwarten, werden die Ware tendenziell zurückhalten, da sie hoffen, mit einem späteren Verkauf höhere Gewinne zu realisieren. Das befeuert die Inflationsspirale.

Das Versagen der neoliberalen Märkte in der Versorgung der Menschheit wird höchstwahrscheinlich staatliche Interventionen zur Folge haben. Der französische Präsident Emmanuel Macron spricht bereits von einer globalen Hungerkrise als Folge des Krieges und hat Lebensmittelmarken angekündigt.

Selbstverständlich kann man die Lösung von Krisen nicht den „Märkten“ überlassen, die, wie eine Börsenweisheit sagt, die größten Gewinne machen, wenn Blut auf den Straßen fließt. Aber anstatt die Endverbraucher zu entlasten und dadurch tiefer in staatliche Abhängigkeit zu treiben, müssten die Preise reguliert und die Märkte entmachtet werden. Sonst wird die spekulativ befeuerte Hungerkrise zu einem Instrument des Great Reset.


Dieser Artikel erschien auf Rubikon am 14.04.2022 und ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.

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